Krimi-Spezial
Interview mit Ulrich Tukur

Interview: Ulrich Tukur (l.) und HÖRZU-Chefreporter Mike Powelz.

"Tatort-Skandal": Tukur unter Mordverdacht

Interview mit Ulrich Tukur

  • Artikel vom 16. Dezember 2015

Hat Ulrich Tukur einen Kollegen getötet? Ein Exklusiv-Interview über seinen neuen "Tatort".

Einmal pro Jahr gibt es eine ganz besondere "Tatort"-Episode mit Ulrich Tukur (58) - und fast immer werden Tukurs Folgen anschließend mit Filmpreisen wie der Goldenen Kamera oder dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Auch sein 5. Einsatz als Felix Murot ist ein sehenswertes TV-Experiment - im "Tatort: Wer bin ich?" spielt Ulrich Tukur sich selbst.

HÖRZU traf Tukur zum Interview

HÖRZU: Wie ist die Idee zu dem außergewöhnlichen "Tatort" entstanden, bei dem Sie unter Mordverdacht stehen?

Ulrich Tukur: Es war eine Idee, die ich mit dem Regisseur Bastian Günther an einem feucht-fröhlichen Abend ausbrütete. Wir wollten versuchen darzustellen, was passiert, wenn sich eine Figur vom Schauspieler löst und die Ebenen von Spiel und Wirklichkeit komplett durcheinanderwirbelt.

HÖRZU: Klingt kompliziert …

Ulrich Tukur: Ein wenig, aber man kommt mit. Ich spiele den Schauspieler Ulrich Tukur, der die Figur Felix Murot spielt. Doch die Rolle hat keine Lust mehr auf ihre virtuelle Existenz. Sie möchte nicht nur dann leben, wenn die Kameras laufen, sondern er auch mal im Park spazieren gehen und Eis essen. Dann ereignet sich ein Todesfall im Team - und Tukur gerät unter Mordverdacht.

HÖRZU: Doch wie wollen Sie nach dieser Episode die Rückkehr zu normalen, glaubwürdigen Murot-"Tatorten" schaffen?

Ulrich Tukur: Sie haben Recht, eigentlich wäre diese Folge ein idealer Ausstieg gewesen. Es war aber nie meine Absicht, mit dieser Episode einen eleganten Abgang hinzulegen. Ich mache solange weiter, wie der "Tatort" neue Räume öffnet.

HÖRZU: Heißt das, Ihr nächster "Tatort" ist schon fertig?

Ulrich Tukur: Ja. Er erzählt die Geschichte eines Serienmörders, der verzweifelten Menschen helfen will und sie umbringt, wenn er das Gefühl hat, dass ihnen der Tod gut tut. Jens Harzer vom Hamburger Thalia-Theater spielt diesen Antagonisten. Es ist ein bedrückendes Kammerspiel um Leben, Tod und Freitod - und es geht, wie in meinem allerersten Tatort "Wie einst Lilly" um einen angeschlagenen Menschen, der nicht mehr leben will.

HÖRZU: Rechnen Sie mit Kritik wegen der zerbrochenen Logik in "Wer bin ich?"

Ulrich Tukur: Sicher werden sich einige Leute furchtbar echauffieren. Andere werden begeistert sein. Ich mag die Episode sehr, denn der "Tatort" wird in eine Art Spiegelkabinett gestellt, in dem er sich auf vielen Ebenen reflektiert und bricht. Und obendrein ist er sehr komisch!

HÖRZU: Inwiefern ist der "Tatort" für Sie eine Experimentier- und Spielfläche?

Ulrich Tukur: Liane Jessen und Jörg Himstedt vom Hessischen Rundfunk haben sich als Avantgarde-Redakteure etabliert. Man rennt immer offene Türen ein, wenn man denen mit einer verrückten Idee kommt. Ich persönlich finde, dass der "Tatort" immer eine Überraschung sein sollte, kann aber auch Leute verstehen, die am Wochenende eine "saubere" und "normale" Krimi-Unterhaltung haben möchten. Das wird ja sowieso überwiegend gemacht, und inzwischen gibt es so viele Kommissare und ist das Format so inflationär unterwegs, dass man es sich schon leisten sollte, an einer geheimen Ecke mutige neue Wege zu beschreiten. Auch wenns dann mal danebengeht.

HÖRZU: Top-Quote gleich Top-Film - warum stimmt diese Formel nicht?

Ulrich Tukur: Warum soll etwas, das massenhaft gesehen wird, besonders gut sein? Es ist doch auch möglich, dass etwas gut ist und sich dir nicht sofort erschließt. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Wer aber nur Brei gewöhnt ist und auf einmal kauen soll, spuckt dann aus und schaltet weg. Mittelmaß tut niemandem weh. In den Radiosendern wird dann gerne ABBA gespielt - die Programmmacher können sicher sein, dass niemand wegschaltet, denn hier haben sie den kleinsten gemeinsamen Nenner. Eigentlich sollte man sich bei hohen Einschaltquoten eher Sorgen machen und sich fragen: Was habe ich falsch gemacht? Warum habe ich niemanden verstört? Ich will damit nicht sagen, dass ich das Gros der Zuschauer für dumm halte - sie sind viel gescheiter als gängige Fernsehredakteure glauben - aber man hat sie im Laufe der Jahre mit so viel Mindersinn beworfen, dass das aktive Zuschauen, bei dem man auch mal seine eigene Fantasie einsetzen muss, verkümmert ist. Wir sind mit dem Hessischen Rundfunk angetreten, um das wieder ein wenig zurecht zu rücken.

HÖRZU: Hand auf's Herz: Sind Sie der Mastermind hinter den Murot-Experimenten?

Ulrich Tukur: Ich bin einer, der etwas einklagt, aber immer im Einvernehmen mit den Damen und Herren des Senders und mit meinen Kollegen. Wenn das Fernsehen überleben will, muss es die Latte wieder entschieden höher legen. Man muss die Menschen, die vor den Apparaten sitzen, fordern, und ich bin sicher, daß damit ein ganz neuer Genuss verbunden ist. Vielleicht gibt es erst einmal diesen wunderbar zivilisierten Shitstorm - na und? Mich interessiert nicht im mindesten, was im Netz los ist.

HÖRZU: Warum nicht?

Ulrich Tukur: "Getretener Quark wird breit, nicht stark", sagt Goethe - und genau das ist es doch. Ich bin froh, dass ich in der alten, verrottenden, analogen Welt verankert bin und mir das ewige Kommentieren und Kommentiert-Werden erspart bleibt.

HÖRZU: In "Wer bin ich?" treten auch die "Tatort"-Kollegen Wolfram Koch, Margarita Broich und Martin Wuttke auf. Wie groß war deren Lust auf’s Mitmachen?

Ulrich Tukur: Wolfram Koch ist ein Spielkind. Bei dem rennt man mit jeder Albernheit offene Türen ein. Er ist wunderbar und er hat einen grandiosen Humor. Margarita ebenfalls. Und Martin Wuttke hat es sichtlich gut getan, sich am MDR zu rächen - zumindest glaube ich das. Es war herrlich mit diesen Kollegen und sehr, sehr lustig.

HÖRZU: Als "Ulrich Tukur" unter Mordverdacht steht, lassen ihn alle hängen. Außerdem gibt’s jede Menge Anspielungen auf die Eitelkeiten der Filmbranche - etwa verzweifelte Redakteure unter Quotendruck, die Schweighöfer oder Ferch zum nächsten "Tatort"-Kommissar machen möchten. Ist die "Film-Fuzzy"-Branche wirklich so knallhart?

Ulrich Tukur: In dem Geschäft wie in allen anderen gibt es Arschlöcher und wunderbare Menschen; ich hatte immer Glück. Hinterhältiges, unmögliches Betragen von Kollegen oder Vorgesetzten habe ich eigentlich nie erfahren. Und der Hessische Rundfunk ist wirklich nicht so schlimm, wie wir ihn zeigen. Möglicherweise gibt es Kollegen, die das anders beurteilen - aber ich wurde immer sehr fair behandelt.

HÖRZU: Schlussfrage: Welches ist Ihr nächstes spruchreifes Projekt?

Ulrich Tukur: Der Kinofilm "Gleißendes Glück" mit Martina Gedeck nach einem Roman von Alison Kennedy aus Schottland über einen pornografiesüchtigen Neurologieprofessor und eine von ihrem Ehemann gequälte und misshandelte Frau. Diese beiden in ihrer Seele zerstörten Menschen beginnen eine ganz merkwürdige Liebesgeschichte - und reden über Dinge, bei denen einem die Haare zu Berge stehen. Das ist mal nichts fürs Fernsehen, es ist sexuell randständige Kost und ein unheimlich mutiger und wichtiger Film, der schief gehen kann, aber das Risiko in jedem Falle wert ist.

Autor: Mike Powelz

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