Rente
Die neue Rentenlüge. - Foto © Getty Images Europe

Mit 63 in Rente ohne Abschläge? Die Pläne von Arbeitsministerin Andrea Nahles sind nicht seriös.
Wer ihr glaubt, hat später noch viel weniger Geld. - Foto © Getty Images Europe

Altersvorsorge

Die neue Rentenlüge?

  • Artikel vom 15. Mai 2014

Polarisiert hat Andrea Nahles schon immer: "Hausfrau oder Bundeskanzlerin" wolle sie werden, verkündete sie 1989 in der Abiturzeitung. Zum politischen Personal der Republik gehört die 43-Jährige aus der Eifel seit gefühlten Ewigkeiten. Kurz vor den letzten Wahlen schmetterte die SPD-Frau im Bundestag als Protest gegen das Selbstlob von Kanzlerin Merkel das "Pippi Langstrumpf"-Lied. Hohn und Spott waren ihr sicher – wieder mal. Doch SPD-Chef Sigmar Gabriel wusste: Wer so viel Gegenwind aushält, ist stark genug für einen der wichtigsten Posten der Legislaturperiode. So wurde die Mutter einer dreijährigen Tochter Arbeitsministerin – und damit zuständig für die Rentenreform.

Nullrunden trotz Preisanstiegs

Bei der Rente herrscht wieder Handlungsbedarf – das ist unstrittig. Vor allem das Thema Altersarmut muss gelöst werden. Aber auch viele Neurentner fühlen sich schlecht behandelt: Während Ältere, die über 70 sind, meist noch ihr Auskommen haben, spüren die Jüngeren die Auswirkungen der letzten großen Reformen. Tatsache ist: Von 2000 bis 2006 sank für jeden neuen Rentnerjahrgang das Ruhegeld. Bezogen Neurentner (Männer/West) zur Jahrtausendwende im Schnitt noch 916 Euro, waren es sechs Jahre später nur noch 817 Euro. Seitdem steigt der Wert wieder, aktuell auf 898 Euro.

Das Niveau von 2000 aber wurde noch nicht wieder erreicht. Frauen (West) haben dagegen zugelegt: von 436 Euro im Jahr 2000 auf aktuell 493 Euro. "Gegen die Kürzungen der letzten Reformen anzuarbeiten kostet viel Kraft", sagt Martin Reißig, Rentenberater aus Hamburg. Hier verlangt die Politik einer ganzen Generation neue Einsichten ab. Statt mit 60 in Frührente zu gehen, wie ältere Kollegen es vorgemacht haben, heißt es für viele: "Augen zu und durch!" In der Statistik schlägt sich das bereits nieder: Ihre erste Altersrente bezogen sowohl Männer als auch Frauen 2012 im Schnitt erst mit 64,1 Jahren (West). "Viele sind gesund und wollen im Alter ein aktives Leben führen", erklärt Experte Martin Reißig den Durchhaltewillen. "Dazu braucht man aber leider das nötige Kleingeld."

Etliche Nullrunden

Auch in der Gesamtheit betrachtet steht die Rentnerschaft heute finanziell schlechter da als zur Jahrtausendwende. Die Kaufkraft der Altersbezüge ist seither um rund ein Fünftel gesunken, wie selbst die Bundesregierung zugibt. Die Gründe liegen auf der Hand: etliche Nullrunden bei den Renten, aber stetig steigende Preise. So zerrinnt einem das Geld langsam zwischen den Fingern. Statt weiterer Kürzungen will Andrea Nahles jetzt Verbesserungen für die Rentner. Die Richtung stimmt, keine Frage. Aber der Teufel steckt wie immer im Detail. Politisch relativ unstrittig ist die sogenannte Mütterrente: Frauen, die vor 1992 Kinder zur Welt brachten, sollen künftig für jedes Kind zwei Rentenpunkte bekommen – bisher war es nur einer. Das entspricht einer jährlichen Rentenerhöhung von 338 Euro im Westen und 309 Euro im Osten. Ist die Rente noch nicht beantragt, wird das Geld gutgeschrieben, es geht also nicht verloren.

"Die Mütterrente ist eine Anerkennung für erbrachte Leistungen", sagt Nahles. "Frauen, aber auch Männer die Kinder vor 1992 großgezogen haben, hatten nicht die heutigen Betreuungsmöglichkeiten. Viele haben deshalb die Arbeit unterbrochen oder ganz aufgegeben. Durch die Mütterrente soll ihre Erziehungsleistung stärker gewürdigt werden." Hört sich gut an, lässt aber Fragen offen. Schließlich erhalten heutige Mütter drei Rentenpunkte, also einen mehr – obwohl es überall Krippen, Kitas und Horte gibt. Ältere Mütter werden also noch immer benachteiligt.

Die Rente mit 63

Politisch viel umstrittener ist ein anderes Vorhaben: die Rente mit 63. Sogar im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU wurde sie vereinbart. Doch immer mehr CDU-Leute distanzieren sich: "Die Rente mit 63 ist eine Rolle rückwärts und falsch", sagt etwa der CDU-Abgeordnete Marco Wanderwitz. Julia Klöckner, eine von Merkels Stellvertreterinnen im CDU-Vorsitz, will deshalb sogar die Große Koalition platzen lassen. Zur Erinnerung: Erst 2007 wurde das Rentenalter von 65 auf 67 hochgesetzt. Den Arbeitsminister stellte damals auch die SPD: Franz Müntefering. Gegen starken parteiinternen Widerstand setzte er die Rente mit 67 durch. "Münte" steht auch heute zu seinem politischen Vermächtnis und findet Nahles’ Pläne "bizarr": "Wenn die Union und meine Partei Mut haben, holen sie noch mal tief Luft und schauen sich alles noch mal genau an."

120 Euro weniger Rente

Sturm gegen die Rente mit 63 läuft auch die Wirtschaft: "Die Regierung hat viele Jahre erfolgreich eine Rentenpolitik betrieben, die sich an der Demografie orientiert", also der älter werdenden Gesellschaft, so Handwerks- Präsident Hans Peter Wollseifer. "Diesen Kurs verlässt sie jetzt ohne Not." Außerdem fehlen bereits heute in zahlreichen Regionen wichtige Fachkräfte.

Worum geht es bei der Rente mit 63?

Wer bislang vorzeitig in den Ruhestand will, dem wird die Rente gekürzt, und zwar dauerhaft bis zum Lebensende. Für jeden Monat vorzeitigen Bezugs werden 0,3 Prozent abgezogen, also 3,6 Prozent pro Jahr. Nahles will auf diesen Abzug unter zwei Bedingungen verzichten: 1. Der Betreffende ist 63 oder älter. 2. Auf seinem Rentenkonto sind mindestens 45 Jahre lang Beiträge eingegangen. Laut Regierung erfüllten 2012 ganze 43,5 Prozent der Männer beide Bedingungen, aber nur 18,3 Prozent der Frauen. "Wer früh ins Arbeitsleben gestartet ist, soll so belohnt werden", sagt Nahles.

Was sich nach sozialer Wohltat anhört, ist jedoch ein vergiftetes Geschenk: Exklusiv für HÖRZU hat der Bundesverband der Ruhestandsplaner Deutschland (BDRD) nachgerechnet: "Die abschlagsfreie Rente mit 63 ist ein Märchen", sagt Toni Wirler, Vizepräsident des BDRD. Die Bezeichnung suggeriert, dass man zwei Jahre früher in Rente gehen kann, aber genauso viel Altersgeld erhält wie beim regulären Renteneintritt." Doch das ist nicht der Fall. "Denn in den eingesparten Arbeitsjahren werden keine weiteren Rentenpunkte gesammelt – es zählen allein die bis 63 erarbeiteten. "Die Rente mit 63 sorgt so paradoxerweise für neue Rentenkürzungen." Laut Wirler hat ein verheirateter Mann, der sich auf Nahles’ Angebot einlässt, 120 Euro weniger Nettorente im Monat – und das lebenslang. Sein Tipp: "Gut überlegen, ob man angesichts der Einbußen tatsächlich diesen Schritt gehen will."

Willkürliche Begünstigungen

Die Rente mit 63 ist aber nicht nur ein Minusgeschäft: Laut Kornelia Hagen vom angesehenen Wirtschaftsforschungsinstitut DIW Berlin schafft sie sogar neue Ungerechtigkeiten: "Warum bekommt jemand, der nur 44 Jahre auf seinem Beitragskonto hat, aber mehr eingezahlt hat, keine Rente, während ein anderer, der zwar 45 Jahre lang eingezahlt hat, aber geringere Summen, sie erhält? Und warum sind 43 Jahre in Vollzeit weniger wert als 45 Jahre Teilzeit?" Menschen, die körperlich nicht mehr arbeiten können, helfe die Rente mit 63 sowieso kaum: Sie gehen noch früher in den Ruhestand und erhalten dann eine sogenannte Erwerbsminderungsrente.

Dafür sieht Andrea Nahles Reform jedoch eigenständige Verbesserungen vor. "Die Rente mit 63 ist Etikettenschwindel", sagt auch Marina Herbrich, Präsidentin des Bundesverbandes der Rentenberater. Wirklich mit 63 beziehen kann sie nämlich nur, wer spätestens bis 31. Dezember 1952 geboren wurde. Für alle, die danach 63 werden, steigt die Altersgrenze schon wieder: pro Jahrgang um zwei Monate. Alle 1953 Geborenen müssen also mindestens 63 Jahre und zwei Monate alt sein, alle 1954 Geborenen 63 Jahre und vier Monate. "Wenn die Tinte unter dem Gesetz noch nicht trocken ist, ist die Rente mit 63 also fast wieder Vergangenheit", sagt Herbrich. Profitieren wird nur eine kleine Gruppe – alle anderen werden zahlen: vor allem die Jungen, die später noch weniger Rente zu erwarten haben. Aber auch heutige Senioren, für die so weniger für Rentenerhöhungen übrig bleibt.

Die größte Sorge bereitet Politikern derzeit ein "Schlupfloch" der Reform, das fast zum Betrug einlädt: Bei den geforderten 45 Beitragsjahren werden auch Zeiten mitgezählt, in denen man Arbeitslosengeld I bezieht. Viele könnten also schon mit 61 ihr Arbeitsleben beenden, indem sie sich arbeitslos melden, zunächst 24 Monate diese Leistung beziehen – und mit 63 dann alle Bedingungen für die "abschlagsfreie" Rente erfüllen. Reicht diese nicht zum Leben, stockt man notfalls mit Hartz IV auf. Das zeigt den ganzen Irrwitz des Vorhabens. Millionen Bundesbürger haben sich eh schon darauf eingestellt: Das Arbeitsleben wird länger dauern. Danach aber muss ihnen eine anständige Rente zustehen. Eine, von der sie gut und sorgenfrei leben können – so wie früher auch.

Autor: Stefan Vogt