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Dniester-Fluss

Der Dniester-Fluss: Er entspringt in der Ukraine, fließt durch Moldawien und endet im
Schwarzen Meer. - Foto: © ZDF / Silke Gondolf

Matthias Fornoff über Osteuropa

Reise-Reportage "Schwarzes Meer & Weiße Nächte"

  • Artikel vom 13. Juli 2015

Während Russland und der Westen wieder auf Konfrontationskurs gehen, zeigt ZDF-Mann Matthias Fornoff, wie nah uns die Menschen in Osteuropa sind. Hier sein Reisebericht.

Der Osten interessiert ihn seit jeher. So sehr, dass er Slawistik studierte. Dennoch zog es Matthias Fornoff erst gen Westen: als Leiter des ZDF-Studios Washington. 2010 bis 2014 präsentierte er um 19 Uhr "heute", seit einem Jahr leitet er die Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen, moderiert "ZDF spezial" und das "Politbarometer".

Für eine zweiteilige Reportage "Schwarzes Meer & Weiße Nächte" reiste Fornoff nun von Warna am Schwarzen Meer bis nach Sankt Petersburg an der Ostsee und traf Menschen zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Blöcken, die es eigentlich nicht mehr gibt.


TV-Tipp: "Schwarzes Meer & Weiße Nächte"

Teil 1: Di., 21.7., ZDF, 21.00 Uhr

Teil 2: Di., 28.7., ZDF, 21.00 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts und in unserem TV-Programm).


Matthias Fornoff über Osteuropa

Hier schreibt Matthias Fornoff über ergreifende Momente und den Charme des Unfertigen:

Osteuropa hat mich immer fasziniert. Aber wie unterschiedlich und widersprüchlich die Eindrücke waren, mit denen ich zurückgekommen bin, hat mich überrascht.

Traum von Unabhängigkeit

Ein Jahr nach der Annexion der Krim gehen die Menschen sehr unterschiedlich mit dem Schatten Russlands um. Da ist etwa Valeria, die 25-jährige Bloggerin aus dem ukrainischen Odessa. Alte Denkmuster interessieren sie nicht, für sie gibt es nur: wahr oder unwahr. Sie will unabhängig sein von Ost und West. Von Klischees und Denkmustern. Sie ist neugierig. Eindrucksvoll schildert sie, wie zerrissen Odessa durch den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist. Der Riss geht durch Familien und Freundschaften - inmitten einer Stadt, die so wunderschön daliegt im Glanz der Sommersonne. Valeria will Brücken bauen und wird dafür von beiden Seiten angefeindet. Vor ihrem Mut habe ich Respekt.

Die Menschen in Osteuropa suchen den Aufbruch. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. In manchen Ländern wie etwa in Polen und den baltischen Staaten können sie diese Freiheit schon leben. In anderen ist die Entwicklung unterbrochen, weil viele ins Ausland gegangen sind oder ganze Märkte wegbrachen. So stoppte Putin etwa den Weinimport aus Moldawien zur Strafe dafür, dass das Land Assoziierungsgespräche mit der EU führte. Wir mögen darüber den Kopf schütteln, die Menschen dort müssen damit leben. So wie der Winzer Alexandru, der sich jetzt umorientiert, neue Qualität und neue Designs für westliche Märkte entwickelt.

Konflikt um Transnistrien

Die Menschen haben auch gelernt, mit dem seit 1992 bestehenden Konflikt um Transnistrien umzugehen. Diese Region ist ein Teil Moldawiens mit überwiegend russischer Bevölkerung und Grenzübergängen, die es völkerrechtlich nicht gibt. Eine moldawische Schule unterrichtet in zwei Schichten: Nachmittags kommen Kinder aus russischsprachigen Familien in Transnistrien, damit sie nicht nach den nationalistischen Lehrplänen aus Russland lernen müssen.

In Bulgarien ist es eine Katastrophe für den Tourismus, dass die Russen wegbleiben. Charly, ein Taxifahrer an der Schwarzmeerküste, hat ein buntes Leben gelebt, war zwei Jahre Barmanager auf dem ZDF-"Traumschiff". Jetzt sagt er: "Ohne Russen geht gar nichts. Sie bleiben länger, geben mehr Geld aus als Abiturienten aus Deutschland, die auf Ballermann machen, und Rentner, die nur hierher kommen, weil es billig ist."

Wirtschaftliche Erfolge

Ich habe auch Erfolge gesehen. In Polen, wo eine Luftfahrtindustrie wächst und gedeiht. Oder in Litauen, wo man es geschafft hat, unabhängig zu werden vom russischen Energiekonzern Gazprom, einer Waffe in der Hand Putins. Unabhängigkeit heißt das Zauberwort – und das Schiff im Hafen von Klaipeda, wo Flüssiggas aus aller Welt umgewandelt und in Pipelines gepumpt wird.

Weiße Nächte in Sankt Petersburg

Ich habe russische Regimekritiker in Sankt Petersburg getroffen. Und eine Gruppe von Künstlern, die Putin verehrt, jenseits von Parteien. Er hat vielen Selbstbewusstsein gegeben, das war deutlich zu spüren. Und das schätzen wir zu gering. Am Ende erleben wir die Weißen Nächte in Sankt Petersburg. Tausende sind gekommen. Trotz Regens. Ein fantastisches Feuerwerk. Musik, Bilder, die anrühren. Warum eigentlich wieder Krieg und Konflikt um den Osten? Keiner, den ich getroffen habe, will das.

Autor: Matthias Fornoff