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Ausgeschlachtet Organe auf Bestellung Film von Leon Lee

"Ausgeschlachtet" - Organe auf Bestellung. Ein Film von Leon Lee © ZDF/Leon Lee; Flying Cloud Productions

Dokumentation über Organhandel in China

"Ausgeschlachtet" - Das Geschäft mit dem Tod

  • Artikel vom 17. Februar 2016

Vor Jahren wurde bekannt, dass China die Organe getöteter Häftlinge verkauft. Die Dokumentation "Ausgeschlachtet" von Leon Lee zeigt: Die Wahrheit ist wohl noch grausamer.

Zur Weltspitze zu gehören ist unumstößlicher Bestandteil des chinesischen Selbstverständnisses. In Exportstatistiken steht China stets ganz oben, und von der Bevölkerungszahl her ist man mit 1,3 Milliarden Einwohnern ohnehin die Nummer eins auf dem Planeten. Doch auch in zwei anderen Bereichen ist China top: bei der Zahl der Hinrichtungen (Platz eins) und bei der Zahl der pro Jahr durchgeführten Organtransplantationen (Platz zwei hinter den USA). Leider hängen beide Statistiken auch unmittelbar miteinander zusammen.

Jedes Jahr werden in China mehrere Tausend Häftlinge getötet, und seit den 1970er-Jahren werden Organe hingerichteter Gefangener offiziell für Transplantationen verwendet. Aber das allein kann nicht die hohe Zahl von Transplantationen in China erklären.


Offiziell wurden 2014 in
China 8600 Organe
transplantiert. 80 Prozent
davon sollen von
Häftlingen stammen
Quelle: Chinesische Organspende-Organisation (OPO)

Schließlich ist eine Transplantation nur erfolgreich, wenn komplexe Gewebeverträglichkeitsmerkmale von Spender und Empfänger übereinstimmen. „China ist anders als jedes andere Land“, sagt Professor Huige Li zu HÖRZU. Der Mediziner von der Mainzer Johannes-Gutenberg- Universität ist in China geboren, hat dort studiert. „Überall auf der Welt muss man jahrelang auf eine Niere oder Leber warten“, weiß Li. „In China ist es eine Frage von Wochen, manchmal sogar Tagen.“

Entnahme bei lebendigem Leibe

Entnahme bei lebendigem Leibe Wie das System funktioniert, zeigt jetzt die mehrfach preisgekrönte Dokumentation „Ausgeschlachtet“ (siehe TV-Tipp). Deren Macher, die kanadischen Aktivisten David Matas und David Kilgour, waren 2010 für den Friedensnobelpreis nominiert. Vor ihren Kameras enthüllen Patienten, wie einfach es ist, an Organe zu kommen – genügend Geld vorausgesetzt: eine Niere für umgerechnet 40.000 US-Dollar, eine Leber für 50.000 US-Dollar. Die Preise variieren je nach Krankenhaus. So entstand ein lukrativer Transplantationstourismus.

Die Doku-Filmer lassen Muttersprachler testweise in dortigen Kliniken anfragen, wie schnell eine Transplantation möglich sei. Die Antwort ist stets die gleiche: Kommen Sie vorbei, in einigen Tagen haben wir das Organ für Sie. „Höchstwahrscheinlich werden Häftlinge mit passenden Organen auf Bestellung getötet“, sagt Prof. Huige Li, der sich im Beirat der internationalen Organisation Doctors Against Forced Organ Harvesting (DAFOH) gegen die Formen unfreiwilliger Organspenden engagiert.

Opfer des perversen Bestellsystems sind bevorzugt Anhänger der religiösen Bewegung Falun Gong, die auf der Meditationsmethode Qigong basiert und die in China seit 1999 verboten ist. „Folter ist dort Routine“, sagt Experte Huige Li. „In Arbeitslagern dürfen Falun-Gong-Anhänger sogar ohne Konsequenzen zu Tode gefoltert werden. Weil ihnen sämtliche Rechte genommen wurden, fallen alle Hemmungen.“

Unvorstellbar: In einigen Fällen scheint die Transplantation selbst die Tötungsursache gewesen zu sein. Die Doku lässt eine ehemalige Klinikangestellte zu Wort kommen. „Das Krankenhaus hat Organe von noch lebenden Falun-Gong-Anhängern entnommen“, erzählt sie. „Einige Opfer haben nach der Entnahme noch geatmet. Trotzdem wurden sie in der Verbrennungsanlage des Krankenhauses eingeäschert. Vielen wurden Nieren, Augenhornhaut und sogar die Haut entnommen.“

Chinas Führung streitet die Vorwürfe der Doku-Filmer vehement ab. Stattdessen wird betont, dass die für Transplantationen benötigten Organe seit dem 1.1.2015 nur noch von freiwilligen Spendern und nicht mehr von Gefangenen stammen dürfen. Angesichts konstant hoher Transplantationszahlen äußern Experten Zweifel. „Die internationale Gemeinschaft muss Klartext sprechen und hart bleiben“, sagt Prof. Huige Li. „Nur Druck von außen kann dafür sorgen, dass China diese unmenschliche Praxis stoppt.“ Die Doku „Ausgeschlachtet“ könnte dabei helfen. Auch wenn sie teilweise nur schwer auszuhalten ist.

Autor: MICHAEL TOKARSKI