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Das Doppelleben von Hund & Katze

Joy (l.) und Tigga klettern über Tische, Stühle und Schränke. Katzen sind nun mal wahre Hoheiten im Haus. Foto © MDR/werkblende film- und fernsehproduktion

DOKU "Hund, Katze & Co."

Das Doppelleben von Hund & Katze

  • Artikel vom 12. April 2016

Was machen unsere Haustiere eigentlich, wenn wir nicht zu Hause sind? Eine neue Doku kommt ihnen auf die Schliche. Das geheime Leben unserer Haustiere. Vierteilige Doku auf MDR, jeweils donnerstags (19.50 Uhr).

Wo, bitte, ist die Fernbedienung? Gestern lag sie noch auf dem Tisch. Die Bilder aus der Überwachungskamera entlarven den Täter: Hund Spike hat sie heimlich ins Körbchen geschleppt – und genüsslich zerkaut. Wahrlich haarsträubend, was Haustiere so treiben, wenn niemand zuschaut. Ein MDR-Filmteam wollte es genau wissen. Für eine neue Doku (MDR, 14.4, 19.50 Uhr) wurde die Wohnung von Familie Karich aus Kamenz mit acht Kameras ausgestattet. Die zeichneten eine Woche lang alles auf. Lassen die Tiere die Puppen tanzen, wenn ihre Chefs nicht da sind? Was machen sie nachts, wenn alle schlafen?

"Die beiden Katzen Joy und Tigga lagen gern auf den Fensterbrettern oder turnten auf den Schränken herum", erinnert sich Filmautorin Antje Schneider. "Der große Spike war ziemlich faul." Und hungrig. Weil der Tierarzt ihm eine Diät verordnet hatte, wuchs der Frust. Im Schlafzimmer schnüffelte der schwarze Mischlingshund an einem Krimi, der auf dem Nachttisch lag. "Spike kreiselt lange um das Buch, das zeigen unsere Überwachungskameras", berichtet Schneider. "Dann der Schreck: Er tut es! Er frisst die letzten Seiten des Buchs!"

Hilfe, mein Rudel ist weg!

Das geheime Leben von Hund und Katze ist wissenschaftlich noch wenig erforscht. Ergebnisse lassen sich auch nicht verallgemeinern. "Jedes Tier hat einen eigenen Charakter", erklärt der Freiburger Verhaltensbiologe Dr. Immanuel Birmelin. "Außerdem gibt es Unterschiede zwischen den Rassen." Der Experte und Sachbuchautor ("Macho oder Mimose", Gräfe und Unzer, 240 Seiten, 19,99 Euro) beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Haustieren. Grundsätzlich gilt: "Hunde sind Rudeltiere und von Natur aus nicht fürs Alleinsein geschaffen", so Birmelin. Daran haben auch Jahrtausende Zucht nichts geändert.

Das Doppelleben von Hund & Katze

"Ein Hund sollte langsam an diese Situation gewöhnt werden." Muss er sofort über längere Zeit allein sein, kann er dauerhaft unerwünschte Verhaltensweisen entwickeln. Vor lauter Frust und Stress wird gebellt, gejault oder das Sofa zerlegt. Gerade weil unsere Vierbeiner eine so enge Bindung zum Menschen aufbauen, fällt ihnen die Trennung schwer. Fühlt sich ein Hund wohl im Haus, trottet er gern durch die Zimmer. Experte Birmelin: "Ich habe immer wieder festgestellt, dass er aufsteht, ein wenig umherläuft und sich dann an einen anderen Platz legt. Das macht er nachts vier- oder fünfmal."

Das Doppelleben von Hund & Katze

Andererseits kann das Alleinsein verlockend sein: endlich Verbotenes tun! Am Leipziger Max-Planck-Institut kamen Kognitionsforscher dem Schuldgefühl der Hunde auf die Spur. Ein verbotenes Leckerli klauten sie meist nur, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Erst warten, umschauen, dann zum Leckerbissen schleichen. Das Verhalten zeigt: Ich weiß, dass das verboten ist. Auch Spike weiß, dass Katzenfutter für ihn tabu ist. Deshalb steht der Napf sicher auf dem Küchentisch. Als niemand zu Hause ist, wagt er sich aber vor. "Spike schlingt im Turbotempo alles weg", erzählt Antje Schneider. "Merkt ja keiner."

Ach, ihr seid schon wieder da?

Katzen haben mit dem Alleinsein weniger Probleme. Sie sind eher Einzelgänger und können sich selbst beschäftigen. Langeweile? Ein Fremdwort. Sind alle aus dem Haus, nimmt die Katze das nur zur Kenntnis. Mehr nicht. Bei der Rückkehr wird sie nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen, sondern alle Versuche zur Wiedergutmachung schamlos ausnutzen. Die US-Verhaltensforscherin Dr. Jill Villarreal stattete 50 Katzen mit Halsbandkameras aus, die nur Bilder machten, wenn niemand im Haus war. Die Auswertung ergab: Am liebsten schauten die Katzen aus dem Fenster (21,6 Prozent) oder spielten (16,8 Prozent) – entweder mit anderen Haustieren oder ihren Lieblingsspielzeugen.

Auch das Klettern auf Stühle, Tische oder den Kratzbaum (7 Prozent) war beliebt. "Katzen sind zwar keine Rudeltiere, haben aber durchaus ein Sozialverhalten", erklärt Dr. Immanuel Birmelin. "Außerdem sind sie nachtaktiver als Hunde." Sie suchen sich Beschäftigung. Prima, wenn genügend zum Spielen bereitliegt. Sind Hund und Katze allein, bleibt die Frage: Wer ist jetzt Herr im Haus? "Kämpfe um die Rangfolge sind trotzdem selten", erklärt Immanuel Birmelin. "Die Katze fährt schon mal ihre Krallen aus, aber meist geht es zärtlich zu." Auch Spike und Joy sieht man in der TV-Doku beim gemeinsamen Spielen und Kuscheln. Von wegen Hund und Katze vertragen sich nicht …

Autor: KAI RIEDEMANN