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Die geheime Welt der Zwillinge

Näher können sich zwei Menschen nicht sein, als wenn sie identisches Erbgut haben. Für eineiige Zwillinge ist das oft Fluch und Segen. Foto © NDR / Oxford Scientific Films 2015

DOKU - "Die geheime Welt der Zwillinge"

Das Rätsel der Zwillinge - Gemeinsam einzigartig

  • Artikel vom 12. April 2016

Näher können sich zwei Menschen nicht sein, als wenn sie identisches Erbgut haben. Für eineiige Zwillinge ist das oft Fluch und Segen. Die Dokumentation "Die Geheime Welt der Zwillinge" bei ARTE.

Wie verrückt ist das denn? Da gibt es einen Menschen, der genauso aussieht wie man selbst, der genauso denkt und fühlt. Der dieselben Interessen hat, dieselben Berufswege beschreitet. Für manchen mag das eine Horrorvorstellung sein, für eineiige Zwillinge ist es gelebter – und geliebter – Alltag. Sie besitzen dieselben Erbinformationen, haben neun Monate im Mutterleib dieselben Erfahrungen gemacht und dadurch ein einzigartiges Gefühl für den anderen und seine Bedürfnisse entwickelt.

Kein anderer Mensch könnte einen je so gut verstehen wie der eigene Zwilling. 40 Prozent von ihnen glauben zu spüren, was der andere macht, selbst wenn sie voneinander getrennt sind. Dieses Gefühl, zu verstehen und verstanden zu werden, könnte sogar erklären, warum zumindest männliche eineiige Zwillinge im Schnitt zwei Jahre länger leben als andere Menschen.

Kopie oder Original?

Die Zwillingsforschung ist ein faszinierendes Feld. Sie gibt uns beispielsweise Antworten auf die Frage, ob Persönlichkeit eher durch Umwelt und Familie bestimmt wird oder durch unsere Gene. Von Zwillingspaaren wie Millie und Daisy, die in der Doku auf Arte (15.4., 21.45 Uhr) vorgestellt werden, sind die Forscher nicht minder fasziniert als wir Laien: Die beiden Schülerinnen haben dieselben Prüfungsfächer und fast immer identische Testergebnisse. Aus solchen und ähnlichen Zwillingserfahrungen schließen Wissenschaftler etwa, dass zwei Drittel unserer Intelligenz im Erbgut verankert sind.

Welt der Zwillinge

Wachsen Zwillinge getrennt auf, ist das ein Glücksfall für die Wissenschaft. Tatsächlich passiert das höchst selten, meist wenn Kinder zur Adoption freigegeben wurden. Zutiefst berührend und viel größer, als Hollywood sich das jemals ausdenken könnte, sind Geschichten wie die von Anaïs Bordier. Nach ihrer Geburt in Korea von einer französischen Familie adoptiert, erkannte sie durch Zufall in einem Youtube-Video ihre von US-Eltern adoptierte Zwillingsschwester. Obwohl sie 26 Jahre auf verschiedenen Kontinenten verbracht hatten, teilen die Schwestern dieselben Vorlieben und Interessen. Aber auch in der Zwillingsforschung bestätigen Ausnahmen die Regel, wie die Dokumentation am Beispiel von Brenda und Bonnie zeigt: Letztere ließ eine Geschlechtsumwandlung vornehmen und heißt heute Aidan.

Welt der Zwillinge

In Deutschland kommt es im Schnitt bei jeder 250. Geburt zum Phänomen eineiiger Zwillinge: Eine befruchtete Eizelle teilt sich in einem frühen Stadium und bringt zwei Individuen mit gleichem Chromosomenbestand hervor. Sie haben dieselben Gene – müssten sie dann nicht auch identische Fingerabdrücke haben? Nein, denn die feinen Linien an den Fingerkuppen entwickeln sich erst, nachdem sich ein befruchtetes Ei in zwei Embryonen geteilt hat. Je später diese Trennung stattfindet, desto ähnlicher sehen sich die Fingerabdrücke. Spätestens mit Computerhilfe lassen sich jedoch immer Unterschiede finden. Erste Erfolge gibt es etwa in Bezug auf unterscheidbare genetische Fingerabdrücke, die aus den Blut- und Speichelproben von Zwillingen bestimmt werden könnten.

Wer bin ich?

Aber so groß die Übereinstimmungen auch sein mögen: Selbst eineiige Zwillinge sind niemals die exakten Kopien ihrer selbst. Es sind schließlich individuelle Erinnerungen und die darin gespeicherten Erfahrungen, die jeden von uns zu einer einzigartigen Persönlichkeit machen. Bis es so weit ist, haben viele eineiige Zwillinge Schwierigkeiten, sich als Individuen zu begreifen. Normalerweise können Kinder mit zwei bis drei Jahren ihr eigenes Spiegelbild oder Foto benennen. Eineiigen Zwillingen gelingt das oft erst mit vier. So lange meinen sie, das Bild zeige den anderen Zwilling. Kein Wunder, haben doch selbst Eltern oft Schwierigkeiten, Zwillinge auseinanderzuhalten.

Autor: THOMAS RÖBKE