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Umbi (Bento Odorico Muguambe) bringt Louise (Iris Berben) auf die richtige Spur.
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Umbi (Bento Odorico Muguambe) und Louise (Iris Berben). Foto: © ARD Degeto/Bavaria/Yellow Bird/D. Guhr

Exklusiver Drehbericht aus Afrika

Tödliche Experimente

  • Artikel vom 29. März 2010

"Kennedys Hirn", Thriller nach Henning Mankell - Archäologin deckt Aids-Skandal auf; Das Erste, Samstag, 03.04.2010, 20.15 Uhr

Henning Mankell
"Ich glaube, dass es geheime Aids-Labore in Afrika gibt!" In "Kennedys Hirn" beschreibt der Autor, wie Pharmafirmen illegale Experimente an Afrikanern durchführen. Ärzte impfen sie mit einem vermeintlichen Wirkstoff gegen Aids, injizieren dann das HI-Virus. Für seinen Roman recherchierte Mankell akribisch. Zu HÖRZU sagt er: "Ich glaube, dass es geheime Aids-Labore in Afrika gibt und dass Menschen als Rohstoffe für ein Millionengeschäft missbraucht werden. Schon in den 50ern – damals ging es um Polio – wurde im Kongo experimentiert." Der Titel ist übrigens angelehnt an eine Verschwörungstheorie. Demnach verschwand das Gehirn des US-Präsidenten nach dessen Ermordung. Mankells Frage: Verschwinden Menschen heute ebenso spurlos, um Impfstoffe an ihnen zu testen?

Es ist heiß an diesem Tag in Maputo, 40 Grad zeigt das Thermometer an, und als Iris Berben aus ihrem Wohnwagen tritt, rinnt ihr augenblicklich der Schweiß unter der Perücke mit den grauen Haarsträhnen hervor. An eine Pause ist jetzt aber nicht zu denken. Der Zeitplan ist knapp, Berben muss rüber zum Feldlazarett, um mit Heino Ferch zu drehen. "In der nächsten Szene beschimpft ein Afrikaner den von Ferch gespielten Arzt als Mörder", erklärt Regisseur Urs Egger HÖRZU. "Er beschuldigt ihn der absichtlichen Infektion mit HIV." Diese Schlüsselszene in dem Thriller "Kennedys Hirn" (siehe Sendehinweis) entlarvt Ferchs Figur als Schurken. Doch der afrikanische Schauspieler schreit Ferch kurz darauf dermaßen laut an, dass die fast 200 Statisten am Set anfangen zu johlen.

Sofort lässt Egger die Szene wiederholen, denn lachende Komparsen passen nicht zu dem Film. Zumal auch einigen Mitgliedern des Teams bei der Arbeit an diesem Projekt zwischenzeitlich das Lachen verging. Schlangenbisse, Zollprobleme, Malaria und die permanent präsenten Sicherheitsleute: Die Verfilmung von Henning Mankells düsterem Afrika-Thriller "Kennedys Hirn" war eine extreme Erfahrung für alle Beteiligten.

Die Story: Archäologin Louise (Iris Berben) sucht die Mörder ihres HIV-infizierten Sohnes. Die Spur führt nach Mosambik, ins Hospital von Dr. Holloway (Heino Ferch), der mit Impfstoffen gegen Aids experimentiert und in Verdacht gerät, Afrikaner bewusst mit HIV zu infizieren. Ein brisantes Thema, dessen filmische Umsetzung "ein Experiment war, aus dem
wir gelernt haben", so Produzent Ronald Mühlfellner. "Mosambiks Zöllner waren unserem 80 Mitarbeiter großen Team nicht gerade wohlgesinnt – sie hielten unsere Lastwagen mit dem technischen Gerät fünf Tage lang an der Grenze zu Südafrika fest, weil angeblich Papiere und Stempel fehlten. Dabei standen uns nur 51 Drehtage für über 300 Drehorte zur Verfügung!" Später kamen noch weitere Probleme hinzu. "Unser Standfotograf wurde von einer Schlange gebissen, die plötzlich aus dem Gras hochschnellte", so Heino Ferch zu HÖRZU. "Er hatte geschwollene Lymphknoten, und einer seiner Gesichtsnerven war einige Zeit gelähmt."

Doch warum überhaupt Mosambik? "Wir wollten an Originalschauplätzen aus Mankells Roman drehen“, so Regisseur Urs Egger. "Er lebt seit vielen Jahren hier und beschreibt etwa das tatsächlich existierende Hotel Polana derart lebendig, dass unser Film durch Drehs an diesen Orten noch glaubwürdiger wird." Nah an der Wahrheit sei die Geschichte der Pharmakonzerne, die Experimente mit gesunden Afrikanern durchführen, ohnehin, so Iris Berben. "Durch meine Arbeit auf diesem Kontinent nehme ich diese Probleme natürlich viel intensiver wahr. Und ich befürchte, dass alles, was in diesem Film beschrieben wird, nicht weit hergeholt ist."

In Maputo ist jeder Vierte der fünf Millionen Einwohner HIV-positiv. In seinem Roman verbindet Henning Mankell diese traurige Statistik mit Mosambiks Trauma – dem jahrelangen Unabhängigkeitskampf und dem Bürgerkrieg – zu einem genialen Thriller. Das deutsche Filmteam hat daraus einen der spannendsten TV-Krimis des Jahres gemacht – mit offenem Ende. Die Drahtzieher werden im Film nicht bestraft. "Das war mir wichtig", so Henning Mankell, "denn leider entspricht das der Realität!"

Autor: Mike Powelz

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